27.07.16 – Eine Straße, ein Bunker, ein Marathon

hochbunkermarathon2016

Daumen hoch für einen unvergesslichen Marathonlauf im Hochbunker Müggenkampstraße. Fotos: D.Thobe

Ein Bericht von Dennis Thobe, einem Teilnehmer des 3. Hochbunkermarathons in der Hamburger Müggenkampstraße:

Als ich im Frühjahr auf der Suche nach reizvollen, schönen Laufveranstaltungen war, bin ich zufällig auf ein Video gestoßen, wo es um diesen Marathon ging. Es handelte sich um die zweite Auflage im Januar 2016. Wie verrückt habe ich gedacht. Bereits im Jahre 2014 sollte der Hochbunker ursprünglich einem Wohnkomplex weichen. Bis heute hat sich diese geplante Aktion jedoch verschoben, so dass das besagte Objekt noch heute im tadellosen Zustand sowohl dem Hamburger Unterwelten e.V. für Führungen, als auch dem Herrn Christian Hottas (Veranstalter Fun & Erlebnis Marathons) für ein wahres Highlight im Laufsport zur Verfügung steht. Während einer Führung im Jahr 2014 kam die Idee, auf Grund der Raumstrukturen des Bunkers, über die sieben Etagen einen einzigartigen Marathon zu veranstalten. Die Eigentümergesellschaft „wph Wohnbau und Projektentwicklung GmbH“ gab das OK und so konnte am dritten Sonntag im Juli bereits die dritte Auflage des wahrlich außergewöhnlichen Marathons gestartet werden.

Aus dem „wie verrückt ist der Marathon denn“ wurde bei mir schnell ein „da hätte ich auch gerne teilgenommen“. Ärgerlich, nicht schon einige Zeit früher nach schönen Laufveranstaltungen gesucht zu haben. Die dritte Auflage des Marathons im Bunker war zuerst nicht abzusehen. Um so größer war die Freude, als ich die Ausschreibung für den 17. Juli 2016 erspähte. Die Chance zur Teilnahme war da. Ein Marathon an einem geschichtsträchtigen Ort, Indoor, über 98 Runden und vielen Treppenstufen. Einfach verrückt! Die einzigen Fragen: Kann ich das schaffen? Benötige ich dafür besonderes Treppentraining? Meine Anmeldung zur Teilnahme dauerte auf jeden Fall noch einige Zeit, bis ein Anmelder in der Teilnehmerliste auftauchte, der diesen Marathon bereits zuvor gefinisht hatte und wie ich, beim 10. Knastmarathon in Darmstadt dabei war. Er finishte den Knastmarathon über eine Stunde später wie ich. Da war mir klar, den Hochbunkermarathon finishen zu können.

Ein spezielles Training habe ich, auf Grund Zeitmangels und diverser anderer Veranstaltungen an den Wochenenden davor leider nicht wirklich geschafft. Natürlich habe ich schon jede Treppenstufe, welche meinen Weg kreuzte sportlich genommen, aber nie im Sportlerdress. Rund vier Wochen vor dem Marathon im Hochbunker Müggenkampstraße (errichtet in den Jahren 1941/42 als bombensicherer Schutzraum für die Zivilbevölkerung), entwickelte sich in einem Gespräch über eine eigentlich andere Veranstaltung, dass auch die liebe Heike Hencke großes Interesse an diesem besonderen Marathon hatte. Die Freude stieg. Kurz vor Ende der regulären Anmeldungsphase meldeten wir uns dann tatsächlich an. Es sollte ein unbeschreiblicher Tag werden.

Die Nacht auf den Sonntag war recht kurz. Zuerst war das Sandmännchen nicht in Sicht, später versuchte dann eine Mücke mein Revier einzunehmen. Dennoch war ich irgendwie hellwach, als um kurz nach 5 Uhr der Wecker klingelte und es noch gut 4 Stunden bis zum geplanten Start waren. Zum Frühstück gab es ein ordentliches Müsli und im Frühstücksfernsehen tobten die Kinder von Bullerbü. Kindheitserinnerungen wurden wach. Die Vorfreude stieg weiter. Meine Gedanken flogen über das Sonnenöl (Juhu, mal ein Marathon ohne große Sonneneinstrahlung), herüber zur Hamburger Alster (bereits um 7 Uhr sollten die ersten Jedermann-Triathleten über die Olympische Distanz starten) und letztlich nach Roth zum Ironman, wo der Ausnahmeathlet Jan Frodeno einen neuen Weltrekord angekündigt hatte. Auf der Straße war erwartungsgemäß nicht wirklich viel los. Während der Autofahrt setzte ein leichter Nieselregen ein und angekommen am S-Bahnhof Neugraben, entschied ich mich sogar zur Mitnahme und Nutzung eines Regenschirmes. Wie witzig, dass ich heute schon einmal an Sonnenschutz gedacht hatte (Grins). In der Bahn erlebte ich dank dem lieben Torsten den Start in Roth mit. Wenig später ein kurzer CheckUp mit Heike (alles lief planmäßig). Im Umsteigebahnhof Jungfernstieg begegnete ich dann einigen Triathleten mit Rennrad im Gepäck, und bei jedem anderen Sportler (also ohne Rad) dachte ich so, ob wohl noch jemand hier zum Bunker möchte. Mmmmh, bei rund 30 Startern wohl doch eher unwahrscheinlich. An der Wand hing ein Plakat mit der Aufschrift „U2 in Paris“… Was? Eigentlich wollte ich jetzt doch nur zur U2 bis zum Halt „Lutterothstraße“ (Grins).

Um so näher ich meinem Ziel kam, um so weniger Fahrgäste saßen oder standen in der Bahn. Ein komisches Gefühl. Ein so spezieller verrückter Marathon, und alle schauen nur zum Triathlon. Aber es sollte egal sein. Kaum eine Hand voll stiegen an der Lutterothstraße aus. Zielsicher schlenderte ich um kurz vor 8 Uhr zur Müggenkampstraße (hätte niemals gedacht, dass diese Straße mal eine ganz spezielle Bedeutung für mich bekommen sollte). Die Heike war bereits da. Rund eine Stunde vor dem geplanten Start erspähte ich sie in der Ferne. Das Wiedersehen war voller Freude. Wie idyllisch hier – nicht so viel los auf der Straße, ein / zwei Bäcker und nette Hausfassaden. Und natürlich an einer Straßenecke etwas zurückgesetzt der Bunker.

Neben unserer Heike warteten bisher fünf andere Läufer(-innen) auf den Einlass. Eigentlich sollte dieser ja eine Stunde vor dem Start erfolgen. Doch selbst um Viertel nach Acht war nichts von einem Marathon zu erkennen. Selbst das in der Ausschreibung angekündigte Toilettenhäuschen vor dem Bunker war nicht da. Schon irgendwie alles ein wenig komisch. Die Minuten verstrichen. Nach und nach kamen andere Sportler hinzu. Am chilligsten empfanden meine beiden Augen die Anreise eines Läufers auf einem wahren Drahtesel, mit blau-weiß längsgetreiften Pulli und Kaffee plus Brötchentüte in der Hand. Hätte er noch eine Baguettestange in der Hand gehabt, hätte das Bild noch ein ticken besser in mein Pariser Gedanken gepasst. Um 8.30 Uhr gab es die Information, dass sich der Herr Hottas etwas verspätet, aber auf dem Weg sei. Im Laufe der Zeit parkte der eine oder andere, der mit dem PKW angereist war (ich hatte im voraus in einem Erfahrungsbericht gelesen, dass die Parkplatzsituation dort recht angespannt sei) diesen doch noch etwas näher an den Veranstaltungsort heran. Auch nutzbare Toilettenoptionen wurden erfolgreich ausgekundschaftet. Als der große Uhrzeiger fast die Neun erreicht hatte und die Tür immer noch verschlossen war, gab es dann den entscheidenden Ausruf. Der Schlüssel ist verlegt und der wichtigste Mann bei diesem Projekt (Ideengeber, Organisator und Veranstalter, Herr Dr. Christian Hottas) wäre auf der Mission Ersatzschlüssel. Er ist auf dem Weg und der Start sei logischerweise auf mindestens 9.30 Uhr verschoben. Sobald er eintrifft, sollte dann umgehend der Start erfolgen. Ach wie gut, dass mittlerweile doch ab und zu die Sonne zwischen den Wolken durchlugte und Regen absolut kein Thema mehr war. So durfte sich unter freiem Himmel umgezogen werden. Natürlich kein Problem.

Das überschaubare Läuferfeld war mittlerweile auch komplett. Wie witzig dabei, dass der letzte Teilnehmer recht abgehetzt erst um kurz vor 9 Uhr eintraf und dabei wohl schon an einen Blitzstart dachte. Um kurz vor halb Zehn kam dann der Herr Hottas per PKW angereist. Schnell war die Tür auf und das Bunkerinnere trat zum Vorschein. Der erste Eindruck? Von außen sah das alles noch ein ticken kleiner aus und die Deckenhöhe sowie die dazugehörige Treppe war irgendwie auch ein bisschen höher / länger als gedacht. Mmmmh. Ich hatte ja auch irgendwie mit einem Altbau gerechnet, doch die Wände waren zumeist absolut weiß, die Geländer schienen frisch in grün lackiert zu sein und die Ausleuchtung hätte auch besser nicht sein können. Die Lüftungsrohre glänzte noch annähernd. Ich war dabei keinesfalls enttäuscht, nur ziemlich überrascht. Alle schauten sich ein wenig um und testeten zum Teil schon mal die Treppenstufen hinauf zur Etage 3 oder herab zu Etage 1, wo als Highlight die handbetriebene Lüftungsanlage stand. Ich selbst ließ es da eher ganz unspektakulär angehen, stellte meine Tasche zu vielen anderen in einen der vielen leeren Räumen am Streckenrand, stellte dabei fest, dass der Boden doch ziemlich staubig dreckig ist und dieser die Luft über die Stunden Laufsport sicher nicht besser machen wird. Schnell hatte jeder seine Startnummer (die Ausgabe erfolgte vollkommen unkompliziert per Zuruf des Namens). Die Verpflegung und die unzähligen Streckenkennzeichnungen etc. waren bereits die Tage zuvor aufgebaut worden. Lediglich die Zeitnahme musste noch fix aufgebaut werden. Jedes Zahnrad griff nun optimal ins Nächste. Prompt noch ein Gruppenfoto auf der Treppe, einige warme Worte zum Lauf sowie dem Gebäude und schon konnte es los gehen.

Der Start erfolgte vor dem Bunker. Es war etwa 10 Uhr. Der Favorit auf den Sieg war bei den Männern schnell benannt, Jan Bergmann hatte zuvor bereits einen reinen Treppenhausmarathon als Sieger gefinisht und mit seinem 250. Jubiläumsmarathon an diesem Sonntag auch ordentlich Erfahrung im Gepäck. Schön schön… Für Heike und mich hieß das Moto “Ü-Ei-Marathon / 8h-Lauf“. Nur der Spaß und das Ziel sollten zählen. Christian Hottas hatte leider mit einer Erkältung zu kämpfen und konnte diesmal leider nicht mitlaufen, dafür startete er höchst persönlich den Countdown zur dritten und wohl letzten Auflage dieses Highlights. 10, 9, 8, 7 …. 3, 2, 1 und los.. Mit einer Signalhupe wurden die nicht ganz 30 Läufer(-innen) auf die Runde geschickt. Ein Läufer, der den Bunkermarathon bereits einmal gelaufen ist, lief zur ersten Orientierung an der Spitze. Die Strecke war mit Absperrband sowie roten und blauen Kreidepfeilen auf dem Boden (für Aufstieg / Abstieg) optimal gekennzeichnet. Nach einem Prolog auf der Etage 2 zog sich das Feld schnell in die Länge. Die erste Treppe zur Etage 3 folgte.

Locker wurde von mir nur jede zweite Stufe genutzt. Die laute Frage in die Runde: Ob es erlaubt sei, dies zu tun. Die passende ebenfalls nicht so ernst gemeinte Antwort: Natürlich nicht, dass würde zur Disqualifikation führen. Es war ordentlich spaßig. Heike und ich liefen von Beginn an im jeweils eigenen Tempo. Dies war aber auch nicht besonders schlimm, denn man begegnete und sah sich im Laufe der 98 Runden immer wieder. Auf jeder Etage musste eine kleine Runde gedreht werden und während zu Beginn jeder Läufer noch in die selbe Richtung wollte, begegnete man sich wenig später bereits auf der einen oder anderen Etage während der kleinen zu drehenden Runde. Das Läuferfeld wurde unübersichtlich. Während die einen noch beim Aufstieg waren, waren andere schon beim Abstieg oder gar in der nächsten Runde. Es lief alles super. Die Treppen waren kein Problem und immer wenn man die siebte Etage erreicht hatte, erblickte man ein mit roter Kreide geschriebenes OBEN! direkt hinter der letzten Stufe und rief selbst oder hörte ein in diversen Stimmlagen und Lautstärken variierendes OBEN! oder FAST OBEN! Oder AUCH GLEICH OBEN! Es wurde zu keinem Zeitpunkt langweilig. Die ersten Runden waren geschafft. Ich selbst überholte bereits die ersten Mitläufer oder wurde bereits zum ersten Mal vom führenden Mann überholt. Auch die Heike hatte ich irgendwann wieder vor mir. Kurzer CheckUp und Smalltalk und weiter um die nächste Ecke. Keine Grade sollte laut Ausschreibung länger als 16 Meter sein. Immer wieder wurde das Tempo gestört. Der Puls ging rauf und runter. Mal ging es „schnell voran“, mal gab es wegen Gegenverkehr einen Stillstand. Dann einige Treppen rauf und später wieder einige Treppen runter. Ein Mix aus Kraftakt und Erholung. Alle fünf Runden trank ich zuerst einen Schluck Wasser aus dem Becher mit der schwarzen „25 (meine Startnummer)“. Trotz der zuerst empfundenen Kühle im Bunker, schwitzte ich nämlich soviel, als wenn der Lauf unter freiem Himmel bei erbarmungslos wärmender Sonne stattfinden würde. Ob das an der leicht begrenzten Frischluft im Bunker lag?

Nach rund 20 Runden kam der Gedanke, dass noch nicht einmal ein Drittel des Marathons geschafft ist. Noch 78 Runden sollten folgen. Kein schöner Gedanke, denn die Anstrengung war schon jetzt spürbar. Schnell wurde sich wieder abgelenkt. Die Etagen waren nicht vollkommen identisch. So waren die Durchgänge auf den Etagenrunden mal breit, mal sehr eng. Dann stand hier und da mal etwas herum. Bunte Handabdrücke waren an der Wand zu betrachten. Eine Leiche war auf dem Boden nachgezeichnet. Das „Blut“ noch nicht mal weggewischt. Dazu die Mitläufer. Eine Läuferin hat mich absolut immer begeistert durch ihr Lachen und der puren Freude. Eine andere Läuferin hatte das Shirt vom Strongman Run 2009 an und man kam immer wieder ins Gespräch. Es war ein äußerst friedliches Miteinander. Man nahm Rücksicht, ließ Schnellere überholen, flaxte untereinander. Man wusste sich abzulenken. GPS funktionierte im Bunker nicht und durch die vielen Treppen, Kurven und kurzen Graden spuckte mein Schrittsensor auch kaum ordentliche Daten aus. Es war quasi ein Lauf in absoluter Isolation vom digitalen Kosmos. Dadurch wurde sich wirklich, zumindest bei mir, ausschließlich auf die Runden konzentriert. Es war ein Runden zählen. Als ich der Heike nach 2.45 Stunden sagte, dass wir bereits fast drei Stunden unterwegs seien, waren wir beide ziemlich überrascht. Die Zeit verging wie im Flug. Ich hangelte mich vom ersten Drittel, zur Hälfte und zählte ab der 58. Runde in Fünferschritten die restlichen Runden. Der Halbmarathon war längst geschafft. Ich bediente mich am Verpflegungsstand bei den Butterkeksen, Salzstangen und Gummibärchen. Auch salzige Bären standen im Angebot. Doch waren diese anstrengend zu kauen. Ich wechselte jetzt immer wieder von Wasser zu Cola und empfand den Aufstieg immer mehr als Anstrengung. Während ich nach der Verpflegung die erste und zuerst auch noch zweite Treppe zu den Etagen 3 und 4 laufend erklomm, erkämpfte ich die weiteren Anstiege zumeist gehend. Dabei meldete sich ab der Hälfte des Laufes mein rechter Oberschenkel zu Wort, sobald ich weiterhin nur jede zweite Stufe nutzte. Ich versuchte es zwar noch das ein oder andere Mal, doch irgendwann gab ich es dann doch auf. Es wurde nicht einfacher. Zunehmend wurde auch die Konzentration unter den Läufern schwächer. Ich prallte in einem Durchgang fast mit einer Läuferin im Gegenverkehr zusammen. Stieß mir an der einen oder anderen Linkskurve die Schulter, weiß plötzlich nicht mehr, ob ich rauf oder runter unterwegs war. Einmal war ich sogar schon eine Aufstiegstreppe halb runter, als mir eine Läuferin sagte, dass einer von uns beiden falsch sein müsste. Diese irren Momente zeigten sich bei fast allen irgendwie und irgendwann. Selbst beim erfahrenden Führenden (Jan Bergmann) flogen das ein oder andere Mal Fragezeichen über dem Kopf. Wie gut das die Zeitnahme die Rundenanzahl zuverlässig erfasste. Was für ein Chaos das ansonsten bei dem einen oder anderen Läufer (mich inbegriffen) entfacht hätte, zeigte sich wahrlich nach rund 6.15 Stunden. Da streikte urplötzlich tatsächlich für einige Zeit die Anzeigetechnik. Oh Backe.

Die ersten Läufer hatte den Lauf nach der Halbmarathondistanz beendet und verabschiedeten sich leider auch bereits aus dem Bunker, noch bevor der erste Marathoni das Ziel erreicht hatte. Dafür wurden neue Gesichter am Streckenrand erblickt. Zuschauer? Presse? Leute von dem Unterwelten e.V.? Vermutlich ein Mischmasch aus jeder Rubrik. Zunehmend wurde uns Läufern wohltuender Applaus gespendet und irgendwann stellte sich dann heraus, dass der erste Zieleinlauf erwartet wurde. Dann war es soweit. Die Signalhupe ertönte und der Applaus brauste auf. Jan Bergmann hat gewonnen und seinen 250. Marathon gefinisht. Es waren 5.17 Stunden vergangen. Da fehlte Heike und mir noch eine ganze Ecke. Doch die Runden wurden immer weniger. Es fingen bei mir Rechenspielchen an. Zirka vier Minuten die Runde mal 15. Bald einstellig in der Rundenzahl. Es war zunehmend ein Kampf. Meine beiden Brustwarzen waren schön blutig (mein Fehler / Grins). Davon merkte ich glücklicherweise beim Lauf nicht so viel. Dafür aber meine linke Schulter, die irgendwann „Aua“ sagte. Dazu wollte mein linker Oberschenkel auch nicht mehr wirklich eine Treppe sehen. Einen großen Dank da an Heike, die mir nach über 5.30 Stunden sagte, dass es grundsätzlich nicht so gut ist, Treppenstufen auszulassen. Auch meine linke Ferse oder der Ansatz Achillessehne schmerzte irgendwann spürbar (wo ich auch heute noch was von habe). Lag wohl an der ungewohnten Art einen Marathon zu laufen (Grins). Durchhalten war angesagt. Ich hatte keine 10 Runden mehr zu laufen. Ein anderer Läufer klatscht mir auf den Rücken. Es ist seine letzte Runde. Er ist happy. Schreit es OBEN! durch den Bunker und genießt den Abstieg bis ins Ziel. Nun kommt auch Heike in den einstelligen Rundenbereich.

Grundsätzlich muss man sagen, dass Heike und ich eine etwas andere Taktik verfolgt haben. Während ich am Anfang des Laufes deutlich schneller war als Heike, wurde Heike zum Ende nicht langsamer oder sogar zunehmend schneller. Mir gegenüber rundete sie sich sogar noch eineinhalb Mal zurück. Ein starker Lauf von ihr! Die letzten Runden für mich. Ich lasse die Verpflegung weg und laufe zum Teil auch nochmal die Treppe hoch. Ich denke ans Ende und freue mich riesig darauf. Ich blicke bereits während der finalen Runden auf die letzten Stunden zurück und frage mich bereits in Runde 96, ob ich das jetzt wirklich erlebt habe. Wie unglaublich die Rundenanzahl ist. Wie unglaublich, dass erst rund sechs Stunden auf der Uhr stehen. Es wird eine super Zeit für mich. Weit weg von den angepeilten 8 Stunden. Auch Heike geht es super und wird nicht weit hinter mir finishen.

In der letzten Runde schießen unbeschreibliche Gedanken und Gefühle durch meinen Körper. Erinnerungen der letzten Monate und Jahre, aktuelle Schmerzen, die geschaffte Leistung, die aufregenden und auch herzlichen Momente auf den Runden. Das letzte Mal OBEN! Ich schreie: ZUM ALLER LETZTEN MAL! Es laufen ein / zwei Tränen die Wange herunter. Ich genieße das wahnsinnige Gefühl, reiße mich zusammen, mach mich hübsch (Grins) und erreiche zum letzten Mal die Zeitnahme. Es piept und ich habe meinen 15. Marathon gefinisht. Mich überschwemmte ein Gefühl vollster Freude und Zufriedenheit. Es lief deutlich besser als vorher gedacht und die Erfahrung ist unbezahlbar.

Ein Marathon ohne sichtbare Start- oder Ziellinie und ohne wirkliche Zuschauer. Ja, und nach den 98 Runden? Da war die Zeitanzeige ausgefallen. Pünktlich zu meinem Einlauf und allen hinter mir.

Da lief ich an der Anzeige vorbei (ein wirklich großer Bildschirm), hob meine Arme in die Luft, freute mich und jubelte vergnügt, doch da fehlte die fette rote 98 hinter meinem Namen. Irgendwas war kaputt gegangen. Ich war mir sicher, doch alle Augenpaare umher nicht. Die Frage: Bist du fertig? Ich sagte: Denke schon, ja! Mmmmh… Ein kleines bisschen dauerte es, doch dann half ein schneller Blick auf den Laptop, worüber die Zeitnahme lief. Da war sie, die fette rote 98. Der Jubilar Jan Bergmann, welcher fast eine Stunde früher das Ziel erreicht hatte, gab bekannt: Ja er ist fertig! Und natürlich folgte prompt seine Gratulation. Es wurde applaudiert. Christian Hottas nahm eine Medaille vom Tisch und hing sie mir um. Es folgte ein Händedruck. Ich bedankte mich und war zugleich überglücklich. Keine Treppen mehr und runter von der Strecke. Ich sah den noch laufenden Teilnehmern zu. Heike kam vorbei und ich sagte ihr, das sie die zweite Frau ist. Die erste Frau war dabei ganz weit weg. Sie finishte als Gesamtzweite, nur rund 20 Minuten nach Jan Bergmann. Heike hatte noch zwei Runden zu laufen. Nach und nach wurden den Läufern mitgeteilt, dass die Anzeige nicht mehr funktionierte. Ein Läufer meinte, er wunderte sich schon, warum er noch immer nicht fertig ist. Da stünden schon länger 96 Runden bei ihm. Eine andere Läuferin war leicht erbost und meinte, die Zeitnahme würde Runden nicht mehr aufzeichnen. Es war ein gewisses Verwirrspiel, doch der Laptop hatte letztlich alles korrekt auf dem Schirm. Heike finishte, Freude strahlend wurde ihr ebenfalls herzlich gratuliert. Zudem griff Herr Hottas recht eilig zum Pokal der 2. Frau. Der Deckel fiel auf den Boden. Sympathisch verlegen überreichte er den Pokal. Ich umarmte sie. Wir gratulierten uns gegenseitig. Es war geschafft – Wir haben diesen verrückten Marathon gefinisht! Und wie es von uns gedacht war, war es wirklich ein absoluter Ü-Ei-Marathon mit Spiel, Spaß und Spannung. Dieser ganz besondere Marathon war zudem das beste Beispiel dafür, warum Christian Hottas unter Fun & Erlebnis Marathons seine Veranstaltungen ausschreibt. Wahrlich ein Highlight. Es war so speziell, so familiär. So ganz anders, als die großen Marathons. Hier brachte man sich selbst das alkoholfreie Weizen mit. Hier gab der Jubilar Jan Bergmann im Ziel einen auf seinen 250. Marathon aus (gab lecker Kräuterschnaps). Den Weltrekordler (weit mehr als 2.000 gefinishte Marathonläufe) Christian Hottas habe ich erstmals getroffen und kann sagen, dass er ein toller Mensch ist. Soviel Freude an der Sache, soviel Selbstlosigkeit. Unendlich viele spannende erlebte Geschichten. Ich hätte ewig zuhören können.

Es war eine tolle Runde im Zielbereich, als nach über 8.30 Stunden der letzte Teilnehmer ins Ziel kam. Er wurde natürlich wie alle anderen auch, sehr gefeiert. Es war ein netter Klönschnack. Irgendwann musste ich nach draußen, weil ich dann doch mal das WC brauchte. Die Medaille um den Hals (habe ich natürlich den Tag nicht wieder abgelegt), kam mir ein Pärchen mit Kinderwagen entgegen und gratulierte mir ganz überrascht. Da war es wieder, das Lächeln in meinem Gesicht. Ich war stolz und super glücklich mit Heike zusammen den Marathon erlebt zu haben. Zurück im Bunker (meine Tasche war noch da), begann Herr Hottas bereits mit dem Abbau, doch unterhielten wir uns noch eine ganze Zeit länger. So spannend. Einfach toll. Irgendwann musste ich aber doch mal los (hatte ja noch einen kleinen Heimweg und musste am nächsten Tag wieder zur Arbeit). Erst nach 20 Uhr verließ ich als Vorletzter den Hochbunker Müggenkampstraße und verabschiedete mich mit den Worten: Vielen Dank für den Marathon. Wir werden uns wiedersehen! Mehr ging nicht. Ich habe jede Sekunde dieses Tages genossen. Der 17. Juli 2016 wird niemals vergessen!!!

Die Schlussworte: Ich hätte noch weit mehr über die Erlebnisse schreiben können, doch irgendwann muss auch hier mal Schluss sein. Ich hoffe der Bericht war nicht zu anstrengend zu lesen. Ich sage „DANKE“ fürs lesen! Das Motto heißt weiter: „Es muss Spaß machen“!

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